Quelle: FNP vom 11.02.2003

150 Namen gegen das Vergessen

Nordend. In diesem Jahr feiert die Musterschule ihr 200-jähriges Bestehen. Die Schulgemeinde nahm dieses bevorstehende Ereignis zum Anlass, um sich in besonderem Maße einem dunklen Kapitel in der langen Schulgeschichte zuzuwenden: Der Vertreibung von 150 jüdischen Mitschülern in der Zeit von 1933 bis 1938. Ein Denkmal, das gestern mit einem feierlichen Festakt eingeweiht wurde, soll an das Schicksal der vertriebenen und dann teilweise ermordeten oder emigrierten jüdischen Mitschüler erinnern. An der Feierstunde nahmen unter anderem Schuldezernentin Jutta Ebeling (Grüne) und der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, Salomon Korn, teil.

"Mit diesem Denkmal wollen wir auf lange Zeit die Erinnerung an diese Erlebnisse wach halten", erklärte gestern der Schulleiter Dieter Kallus. Als Platz für das von Schülern gestaltete Denkmal wurde deshalb eine zentrale und häufig frequentierte Stelle im Schulgebäude ausgewählt. Im Gang zwischen den beiden Treppenhäusern, wo sich auch der Aufenthaltsraum befindet, sollen durch die künstlerische Installation die Namen der vertriebenen Mitschüler stets präsent bleiben.

In eine Glasplatte, die in ihrer Größe und Form an die Klassenzimmertüren angelehnt ist, sind die Namen der jüdischen Schüler eingraviert, die von der Musterschule vertrieben wurden. Direkt darüber, unterhalb der Raumdecke hängt an einer langen Stange für jeden dieser Schüler ein Kleiderhaken. "Die Haken sind größtenteils leer und warten vergeblich auf die vertriebenen Jugendlichen, die hier ihre Sachen aufhängen", erklärt Juri Gauthier.

Der Schüler der Jahrgangsstufe 13 hat das Konzept für die Installation im Rahmen des Kunstunterrichts entwickelt. Nur an einigen wenigen Haken hängen verwaiste Gegenstände, die zuvor in Gips getaucht und weiß gefärbt wurden. Ein Regenschirm, eine Tasche, eine Mütze - Gegenstände eben, wie sie die Schüler häufig im Schulgebäude liegen lassen.

"Das Weiß ist neutral und frei von modischen Einflüssen. Die Gegenstände könnten also sowohl den vertriebenen Schülern, als auch den heutigen Schülern gehören", erläutert Juri Gauthier seine Idee, eine Verbindung zwischen dem damaligen und dem heutigen Schulleben zu schaffen.

Davon, wie die Propaganda des Nazi-Regimes allmählich Eingang in das Schulleben fand und die Ausgrenzung der jüdischen Mitschüler begann, berichtet anlässlich der Einweihung des Denkmals ein Zeitzeuge: Helmut Mann, ehemaliger Rektor des Ziehengymnasiums, besuchte ab 1933 die Musterschule und war hier später auch einige Zeit als Lehrer tätig. "Jeder fünfte Schüler an der Musterschule war Jude. Die meisten von ihnen entstammten alteingesessenen Frankfurter Familien", erinnert sich Mann.

Mit Beginn des Nazi-Regimes seien die jüdischen Klassenkameraden mehr und mehr ausgegrenzt und schließlich von der Schule vertrieben worden, bis es im Schuljahr 1938/39 nur noch einen einzigen jüdischen Schüler an der Musterschule gegeben habe, der die Schule dann ebenfalls verlassen musste. "Viele meiner ehemaligen Mitschüler sind nach Amerika emigriert", so Helmut Mann.

Beispielhaft für die 150 Schicksale von vertriebenen Schüler berichtet der 82-jährige Mann dann vom Schicksal eines jüdischen Klassenkameraden. Dieser sei mit dem neuen, aufgezwungenen Leben in dem fremden Land nicht zurecht gekommen und habe sich aus diesem Grund das Leben genommen habe.

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